News: Feldenkrais Nachrichten

Anregungen - Fragen - Informationen
und auch Kritik? Immer gern!
Wir freuen uns auf den Austausch.

Kontakt:
Inga Paas: info(a)ingapaas.de
Uwe Husslein: dengo4u(a)gmx.de


For our guests from abroad we will try to do an English abstract of all the news we are to publish from now on. If you have any questions or information regarding our website or the Feldenkrais library you can contact us directly by mail

Inga Paas: info(a)ingapaas.de
Uwe Husslein: dengo4u(a)gmx.de

Aktuelles

14.09.2016 Interview mit Beatriz Walterspiel

In unserer Reihe der Trainer- Portraits wollen wir heute Beatriz Walterspiel vorstellen, die bereits seit der ersten Ausbildung in Neuss (NEUSS1) dem Ausbildungszentrum sehr verbunden ist und seit 1993 als Trainerin arbeitet.

Frage: Beatriz, Du arbeitest jetzt schon so lange mit der Feldenkrais Methode. Wie bist Du mit der Feldenkrais Arbeit in Berührung gekommen?

Beatriz_Walterspiel_klein.jpg

Beatriz: Das ist eine lange schöne Geschichte in meinem Lebensbuch. Für mich war schon immer klar, wie bereichernd es ist, mit Menschen zu "sein". In meiner Orientierungsphase nach dem Abitur gab es damals noch gar nicht viele Möglichkeiten außerhalb von Institutionen pädagogisch zu arbeiten. So studierte ich für das Lehramt und machte meine Referendarzeit. Nach dem Abschluss bekam ich eine wunderbare Chance einer Stipendienreise für eine Projektarbeit nach Südamerika. Das war eine herrliche Zeit. Bei meiner Rückkehr waren, auf Grund der damaligen Lehrerschwemme, lange keine Stellen mehr in Aussicht Und so machte ich mich auf die Suche und begegnete, nach einer eher politisch orientierten Studienzeit Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, vielen "neuen Wegen" und alternativen Ausbildungen, wie z.B. dem Zen, Aikido, Eutonie, Tai Chi, Gestalttherapie, Bioenergetik, initiatisch-orientierte Tiefenpsychologie uvm. Durch all die Erfahrungen und neuen Entdeckungen, wurde mir klar, dass das Einbeziehen des Körpers besondere Relevanz und Wichtigkeit für die Persönlichkeitsschulung und Bewusstwerdung hat. So machte ich dann in Berlin bei Prof. Ilse Middendorf die Ausbildung zur Atemtherapeutin und vertiefte dieses Studium durch eine intensive Auseinandersetzung und Erfahrung mit der Arbeit von Elsa Gindler. Anschließend eröffnete ich meine Praxis in einem Therapiezentrum in München.

Und dann kamen diese wunderbaren Zufälle. Eine Freundin erzählte mir von einem Seminar, das Moshé zusammen mit Prof. Vojta und Dr. Hellbrügge in München gehalten hatte; das muss etwa im Frühjahr 1979 gewesen sein. Sie war sehr begeistert davon, und ihre Erzählung und Erfahrung auch so besonders, dass ich gleich wusste: das möchte ich lernen!

Frage: Also nur vom Hörensagen hast Du Dich auf die Suche nach einem Training gemacht?

Beatriz: Nicht ganz, nur kurze Zeit später folgte für mich eine weitere zufällige und wichtige Begebenheit. Ich war noch in meiner Praxis, als an einem Samstagnachmittag ein junger Mann mit deutlich amerikanischem Akzent nach einer "Beatrix" fragte. Es war Roger Russell, der das San Francisco Training bei Moshé Feldenkrais gemacht hatte, und über ihn erfuhr ich nun von dem geplanten, in wenigen Monaten beginnenden Training in Amherst, USA.

Ich hatte zwar keinen Pfennig Geld zu viel, aber es war ganz klar, "das mache ich“. Ich habe mich dann sofort auch angemeldet!

Frage: Das klingt schon beeindruckend, denn das war eine enorm weitreichende Entscheidung. Das Leben in der USA war aufgrund des Wechselkurses sehr teuer, und die Flüge allein kosteten damals ein kleines Vermögen. Ich bin damals selbst das erste Mal in die USA geflogen und konnte allein von den Flugkosten drei Monate Studentenleben in Deutschland bestreiten. Und bei Dir kamen ja auch noch die recht hohen Ausbildungskosten hinzu!

Beatriz: Ja, damals war das wirklich ein Vermögen, aber ich war ganz und gar überzeugt, dass es genau das war, was ich machen wollte. Und auf wundersame Weise hatte ich immer soviel Arbeit, dass ich für alle Ausbildungsjahre zur rechten Zeit auch das Geld zusammen hatte.

Frage: Das ist schon ein Phänomen: da ging offenbar eine Tür für Dich auf.

Beatriz: Ich denke, die Tür war schon offen. Ich begegnete nur jetzt einer Arbeit, die so ganz "passte" und meiner inneren Vision entsprach. Ich hatte mich ja schon mit so viel Verschiedenem befasst. Die Feldenkrais-Arbeit ist so konkret, bietet tiefe Erfahrung und öffnet zugleich einen Zugang zu allem Potenzial; sie wirkt auf so vielen Ebenen, wie auf der physischen Ebene (zum Beispiel Schmerz) - oder auch auf der ganz persönlichen Entwicklungsebene, je nachdem wie es jeder wahrnehmen und zulassen kann. Es gibt keine Voraussetzungen, vielleicht nur ein bisschen Offenheit und Neugier? Jeder kann die Arbeit tun, das ist so wundervoll!

Frage: Wie hast Du denn die Ausbildung in Amherst erlebt? Es waren ja über zweihundert Teilnehmer dort.

Beatriz: Das war schon ein sehr intensiver Prozess - pro Segment, pro Jahr, neun Wochen am Stück in dieser Ausbildung zu sein. Das schaffte Raum für eine tiefe besondere Erfahrung. Es war sehr herausfordernd, aber auch sehr beglückend. Ich habe diese Möglichkeit, mich über die Bewegung und deren Neuorganisation im Körper wahrzunehmen als eine unendliche Befreiung erlebt.

Frage: Und wie hast Du Moshé erlebt?

Beatriz: Moshé war ein Genie! Wenn er in dieser Arbeit schöpferisch tätig war, interessierte ihn vieles andere um ihn herum gar nicht mehr. Er war so beseelt von seinem Tun und Forschen. Ich glaube, es gibt Menschen, deren Aufgabe es ist, "Irgendetwas" aus dem Universum auf diese Erde in eine "Form" zu bringen. Vielleicht kann man es mit Mozart vergleichen: wenn er eine Symphonie im Kopf hatte, musste er ihr eine Form geben, das Werk niederschreiben, auch wenn er dafür 48 Stunden am Stück arbeitete und komponierte!

Frage: War Moshé ein Besessener?

Beatriz: Nein, ich würde es nicht als Besessenheit bezeichnen, eher handelt es sich um eine Öffnung für „höchste“ Intuition, die sich mit der Fähigkeit verbindet, eine Form zu finden. Für Moshé Feldenkrais ging es hier auch um eine ganz neue Weise zu Denken, “new thinking leads to new action“ MF (“Neues Denken führt zu neuem Handeln“.) Wenn Handeln sich im Bewegen ausdrückt, so will auch die Bewegung im ganzen Nervensystem, bzw. Menschen, dafür gut organisiert werden.

Wenn Moshé Feldenkrais mit einem behinderten Kind gearbeitet hat, war er auf eine ganz besondere Weise präsent. Und diese Art des Schaffens verband er mit einem ausgeprägten Sinn für Reflexion. Seine Kenntnisse als Wissenschaftler und seine vielfältigen Interessen eröffneten ihm Möglichkeiten, immer wieder neue Bezüge und Verknüpfungen herzustellen - in der Arbeit mit den Klienten wie auch mit uns Studenten. Moshé war damals bereits 76 Jahre alt, und die Präsenz, mit der er mehrere hundert Teilnehmer in dieser großen Ausbildungshalle lehrte und zugleich den Lernprozess über so viele Wochen führte, war schon sehr beeindruckend.

Frage: War es für Dich schon in Amherst klar, dass Du danach als Feldenkraislehrerin arbeiten wolltest?

Beatriz: Ja, für mich war die Ausbildung eine konsequente Fortsetzung und Weiterentwicklung meiner eigenen Suche, und das bereits Gefundene weiterzugeben, etwas Besonderes. Man muss wissen, dass Moshé die Begründer anderer Methoden der Körperarbeit persönlich kannte, wie z.B. Gerda Alexander (Eutonie), Heinrich Jacoby und dessen Lebensgefährtin Elsa Gindler (Bewegungs - Lernen), um nur ein paar zu nennen. Ihm waren die asiatischen Kampfkünste, die Vision des Chi, nicht zuletzt auch über seine eigene Judo Praxis durchaus sehr vertraut.

Durch sein unendliches Wissen, das in mir auf große Resonanz stieß, konnte ich seine Arbeit und vieles mehr tiefer begreifen.

Frage: Du hast dann auch schon sehr bald selbst bei Feldenkraistrainings unterrichtet?

Beatriz: Das ging alles damals sehr schnell. Wir waren ja die ersten Ausgebildeten in dieser Methode in Deutschland. Nach der Ausbildung in den USA bin ich nach Ibach in den Schwarzwald gezogen, habe ein Zentrum mit aufgebaut und die Feldenkrais -Arbeit begonnen zu unterrichten. Ich hatte weiterhin viel Kontakt zu den Trainern, wie Gaby Yaron, Mia Segal, Chava Shelhav, Myriam Pfeffer und Yochanan Rywerant und vielen aus der Feldenrkais Ausbildung in San Francisco. Das Interesse für diese Methode war damals in Deutschland sehr gewachsen, und Gabi Yaron war es, die mir eine Empfehlung gab, um mich als Trainings-Assistentin zu bewerben, da dringend deutschsprachige AssistentInnen gesucht würden.

Frage: Damals bist Du auch schon mit dem NEUSS Training in Kontakt gewesen?

Beatriz: Ja, ich war schon als Assistentin beim ersten Training dabei - ich glaube im letzten Segment im vierten Jahr. So habe ich Karin Schmidt-Paas kennengelernt und seitdem verbindet uns eine lange, tiefe und wunderbare Freundschaft. Ich schätze dieses Zentrum so sehr, da es hier möglich geworden ist, die Vision zu leben: mit dieser Methode den Menschen zu sehen, und ihn in einem Prozess der Bewusstwerdung zu begleiten.

Frage: Bist Du nicht dann auch bald schon Trainerin /Ausbildnerin geworden und viel gereist und hast somit die Methode bekannt gemacht. Kannst Du uns noch davon erzählen? Beatriz: Anfangs waren wir eine sehr kleine Trainergruppe. Jede Ausbildung ist so konzipiert, das in jedem Training, neben dem Haupttrainer, dem Educational Director, noch drei Gasttrainer dazukommen. Und so ergab es sich, dass ich in sehr viele Trainings eingeladen wurde und immer noch werde. Als ED habe ich in Schweden, Norwegen und Argentinien die Ausbildungen geleitet. Zur Zeit bin ich verantwortlich für die Trainings in Barcelona und Bad Tölz. Für all diese Möglichkeiten bin ich unendlich dankbar!

Frage: Nach über dreißig Jahren Feldenkraisarbeit - was ist es, dass Dich heute noch so für diese Arbeit begeistert?

Beatriz: Es ist und bleibt alles in Bewegung. Wir haben mit dieser Methode ein tolles Geschenk in die Hände bekommen. Wir konnten am Anfang noch gar nicht abschätzen, dass wir lange Zeit brauchen würden, diese Methode in Ansätzen zu verstehen und " in uns" zu entwickeln. Moshé selbst war leider nicht mehr da (Anm: Moshé starb 1984). An dieser Stelle möchte ich allen meinen Lehrern und Schülern lieben Dank aussprechen für die großartige Begleitung und die unendlich vielen Anregungen auf meinem Weg. Die Feldenkrais Arbeit vollzieht sich im Unterrichten: im Miteinander - im Austausch mit einem oder mehreren Menschen, was ein äußerst schöpferischer Vorgang ist. Dabei erlebt man immer wieder neue Herausforderungen und "wächst "selber weiter. Und das Grandiose an dieser Arbeit ist: der Prozess lehrt Dich. Es ist wie beim Skilanglauf durch eine verschneite Landschaft. Da ist eine Spur, die jemand, der diesen Sport gut beherrscht und diese Landschaft auch sehr gut kennt, gelegt hat. Und natürlich orientierst Du Dich an ihr, wenn Du losläufst. Wenn Du dieser Spur folgst, zeigt sie Dir die Landschaft, "es läuft und Du läufst". Es ist kurzweilig und faszinierend zugleich, alles Wissen, das in dieser Spur angelegt ist, entdecken und erfahren zu können.

Und ich bin damit noch lange nicht am Ende. Die Arbeit, die Moshé hinterlassen hat, ist so reichhaltig, dass ich mich auch heute noch immer wieder gerne von „seinem tiefen Wissen“ überraschen lasse. Ich bin sicher und ich wünsche mir sehr, dass seine Arbeit in der Zukunft für viele Menschen im Prozess der Bewusstwerdung eine immer größere Rolle spielt, besonders auch irgendwann in den Schulen.

Frage: Vielen Dank für das nette Gespräch!




Archiv: Aktuelles / News-Archives: Archiv / Archives
* zzgl. VersandkostenVersandkosten